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Big Data – Fluch und Segen zugleich

Computer sind heute in der Lage, riesige Datenmengen auszuwerten. So lassen sich Vorhersagen treffen und Verbrechen, Krankheiten oder den Verkehrsfluss prognostizieren. Ist das gut oder böse? Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür und Zukunftsforscher Gerd Leonhard antworten. Lesen Sie rechts das Interview mit Viktor Mayer-Schönberger.

Der Blick in die Zukunft hatte schon immer etwas Faszinierendes. Viele Menschen wollen wissen, ob sie die grosse Liebe, finanzielles Glück und ihren Traumjob finden – oder eben nicht. Nur standen diese «Informationen» bislang nur in Horoskopen oder wurden von Wahrsagern am Telefon für 4.50 Franken pro Minute verraten.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute können Computer vorhersagen, wann die nächste Grippewelle über die Schweiz hereinbricht, ob ein verhafteter Sträfling rückfällig wird oder wo der nächste Autounfall passiert. So in die Zukunft zu blicken, wird Big Data genannt. Ist das jetzt besser oder schlechter als ein Anruf bei Mike Shiva?

Es ist zumindest wahrscheinlicher, dass die Prognose eintrifft. Big Data analysiert Unmengen von Informationen und berechnet damit die Wahrscheinlichkeit Ihrer nächsten Grippe oder was Sie als Nächstes einkaufen wollen. Nur: In diese computergesteuerte Glaskugel will plötzlich keiner mehr gucken. «Das führt viel zu weit», heisst es oft. Stimmt das?

Jein. Migrosmagazin.ch hat beim Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür und bei Zukunftsforscher Gerd Leonhard nachgefragt.

Eidgenössischer Datenschutzbeauftrager Hanspeter Thür (Bild: Keystone).

Sind Schweizerinnen und Schweizer genügend geschützt?

Hanspeter Thür: «Die Schweiz verfügt über ein hohes Datenschutzniveau, aber das ist in der Praxis nur bedingt durchsetzbar.»

Das spielt doch keine Rolle, wenn die Daten anonym sind.

Gerd Leonhard: «Nur wenige Daten sind heute wirklich anonymisiert.»

Was tun sie dagegen, Herr Thür?

HT: «Verschiedene Staaten in Europa sowie die Vereinten Nationen bemühen sich um länderübergreifende Datenschutzbestimmungen.»

Aber das genügt doch nicht!

HT: «Ja, es wäre wünschenswert, wenn bei Gesetzesverstössen Bussen gesprochen werden könnten.»

Wer kontrolliert denn?

HT: «Es gibt keine systematische Kontrolle der Anbieter. Das ist aufgrund fehlender Ressourcen nicht realistisch.»

Was passiert, wenn wir nicht aufpassen?

GL: «Im schlimmsten Fall führt Big Data zu einer Art digitalem Überwachungsstaat.»

Zukunftsforscher Gerd Leonhard (Bild: zVg).
Immerhin ist es in Amerika noch schlimmer, oder?

GL: «Ja, punkto Big Data haben Schweizer Firmen fünf bis sieben Jahre Rückstand auf die USA. Das ist ein Vorteil, wenn es um die Privatsphäre geht.»

Was nützt das? Das Internet kennt keine Grenzen.

HP: «Nein, nationales Recht wird dem Internet nicht gerecht. Aber das haben die Politiker erkannt.»

Ist es möglich, anonyme Daten einer bestimmten Person zuzuweisen?

HT: «Falls die Anonymisierung ungenügend gemacht wurde, ist das möglich.»

Gerd Leonhard, das sind keine guten Aussichten.

GL: «Wenn Daten nicht anonymisiert sind, bedeutet das nicht automatisch deren Missbrauch.»

Was können Schweizerinnen und Schweizer dagegen tun?

HT: «Durch regelmässiges Löschen der Cookies und das Ausloggen bei Nutzerkonten können Anwender überwachendes Internet-Tracking verhindern.»

Genug des Schlechten: Macht Big Data auch was Positives?

GL: «Big Data verspricht mehr Effizienz, mehr Transparenz und bessere Dienste zu tieferen Preisen. Kurz: Es ist für alle Beteiligten ein Sprung nach vorne – wenn wir Möglichkeiten der Kontrolle, Aufsicht und Balance finden.»

Hätte, wenn und aber

Wenn wir die Balance finden ... wenn es Kontrollmöglichkeiten gibt ... wenn jemand die Anbieter beaufsichtigt ... Bei der Auswertung riesiger Datenmengen durch Big Data können Vorhersagen für einzelne Personen getroffen werden, dürfen aber nicht. Es geht einzig darum, dass Bürgerinnen und Bürger darauf vertrauen können, dass die ethischen Grenzen nicht überschritten werden. Nach den Vorkommnissen rund um die Spähaffäre der NSA oder der Timeline-Manipulation durch Facebook liegt es an Staaten und Firmen selbst, das jeden Tag neu zu beweisen. Ansonsten bestellen wir uns bald wieder Schreibmaschinen, oder?

 

Erschienen in MM-Ausgabe 30
21. Juli 2014

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4 Kommentare

olaf schaefer [Gast]

Geschrieben am
22. Juli 2014

... dann wollen wir also bei der nächsten Vogelgrippe- oder Ebola-Epidemie lieber keine Ausbreitungsmuster mehr analysieren? Und Stauwarner und Navi bauen wir auch wieder aus? Manchmal wird aus mehr Sicherheit für den einzelnen dann weniger Sicherheit für alle... und das Gemeinwohl ist doch auch Sache des (Sozial)Staats, oder?

Margit Gerber [Gast]

Geschrieben am
21. Juli 2014

ein absolut sehr aktueller und sehr gut verfasster Bericht, der mir zu Denken gibt. Soooo viel Datenmenge ergibt sich in kürzester Zeit ! Danke vielmal für die interessante Aufklärung!

karl. o. roth [Gast]

Geschrieben am
21. Juli 2014

 

Gerd Leonhard [Gast]

Geschrieben am
21. Juli 2014

Ein gutes Interview. Ich twittere oft zu dem Thema Datawars hier https://twitter.com/search?q=%23datawars&src=typd

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