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Kuss für Kuss ins neue Leben

Jasmin Schefer hat den Krebs zwei Mal besiegt. Heute ist die junge Frau kerngesund und schwer verliebt (Teil 4/4).

Liebe heilt alle Wunden — das weiss niemand besser als Jasmin Schefer (19). Seit rund zwei Monaten ist die junge Frau verliebt. Im Oktober gestanden sie und ihr Freund Matthias (18) sich ihre Liebe ein. Dieses Geständnis war der Anfang einer Liebesgeschichte, die bereits vor fünf Jahren ihre zaghaften Anfänge genommen hat. Damals trafen sich Jasmin und Matthias zum ersten Mal in einem Jugendlager der Krebsliga. Sie erholte sich gerade von einem seltenen und bösartigen Tumor unterhalb des rechten Ohrs, er hatte kürzlich den Kampf gegen die Leukämie gewonnen. Für den ersten Kuss musste Jasmin all ihren Mut zusammennehmen. «Keine Ahnung, was mich dort geritten hat», sagt sie lachend, «wir waren ja nicht allein.» Die beiden schauten sich zusammen mit anderen im Lager eine romantische Filmkomödie an.

Der neu eingesetzte Nerv wird durch Küsse stimuliert

Liebe heilt alle Wunden. Bei Jasmin ist das tatsächlich so: Nach ihrer zweiten Krebserkrankung 2005 war ihre rechte Gesichtshälfte gelähmt. Mit den Jahren verbesserte sich Jasmins Mimik langsam. Das Stück Nerv, das damals Jasmins Unterschenkel entnommen wurde und den durchtrennten Gesichtsnerv ersetzte, erfüllte seine Funktion Woche für Woche ein wenig mehr.

Seit Jasmin mit Matthias zusammen ist, regeneriert sich der Gesichtsnerv tatsächlich noch besser. «Der neue Nerv wird jetzt neben Essen, Trinken und Reden durch das Küssen zusätzlich stimuliert», erklärt Jasmin. Zwar schmerze ab und zu ihre rechte Gesichtshälfte, «aber dann hört Matthias sofort auf». Selber einmal an Krebs erkrankt, wisse er, worum es gehe. «Er versteht mich einfach.» Das gemeinsame Verständnis teilen Jasmin und Matthias, seit sie sich kennen: Als Jasmin der seltene und bösartige Ohrspeicheldrüsentumor 2005 entfernt wurde, nahm sie ein Jahr darauf an einem Jugendlager der Krebsliga teil. Die Jugendlichen, die sie dort traf, hatten alle einmal Krebs gehabt oder litten noch an der Krankheit. Hier lernte sie ihren Matthias kennen. Er hatte kurz zuvor die Leukämie besiegt — genau wie Jasmin, die als Siebenjährige von der gleichen Krankheit betroffen war. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. «Aber wir waren noch viel zu jung und zu schüchtern, um zu begreifen, dass dies vielleicht damals schon Liebe war», sagt Jasmin. Die Zeit nach der Tumoroperation war die dunkelste Phase in ihrem Leben. Im Lager fasste sie langsam wieder Lebensmut. Jasmin und Matthias sahen sich von da an einmal jährlich in den Jugendlagern der Krebsliga. Vor zwei Jahren dann begannen sie, sich auch ausserhalb zu treffen. Der junge Winterthurer besuchte Jasmin ein- bis zweimal im Jahr in Grüsch GR und verbrachte ein Wochenende zusammen mit ihr und ihrer Familie. Für ihr Umfeld war schon lange klar, dass die beiden zusammengehören. Im Oktober funkte es schliesslich. Inzwischen kann sich Jasmin ein Leben ohne Matthias nicht mehr vorstellen. «Irgendwann will ich eine eigene Familie», sagt Jasmin, und schaut dabei ihrem Schatz zärtlich in die Augen. «Nicht grad jetzt, aber sicher, bevor ich 30 bin.» Erst will sie noch die Matura ablegen und Lehrerin werden.

Seit einigen Monaten ist Jasmin Schefer Chefin der Firma cuppa fonografica, die alte Platten zu Fruchtschalen umarbeitet. Die Firma kam im Rahmen eines Non-Profit-Projekts zustande, das Schülern und Studenten die Möglichkeit bietet, ein reales Miniunternehmen zu gründen.

Seit ihre Geschichte im Migros-Magazin zu lesen ist, wird sie oft von Schulkollegen wie auch von ihren Lehrern darauf angesprochen. Jasmin drängt sich nicht auf, aber sie findet es wichtig, dass über das Thema geredet wird: «Krebs ist immer noch ein Tabuthema. Die Krankheit wird nach wie vor sofort mit dem Tod in Verbindung gebracht. Dabei sind gerade bei Kindern die Chancen gut, wieder geheilt zu werden.» So erstaunt es nicht, dass sich Jasmin auch für die Stiftung «Kind und Krebs» engagiert und zum Beispiel an Sponsorenanlässen teilnimmt. «Vielleicht kann ja jemand durch meine Geschichte wieder Mut schöpfen», sagt Jasmin Schefer.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 51
19. Dezember 2011

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Blut spenden gegen Leukämie

Die häufigste Krebserkrankung bei Kindern ist Leukämie. Oft ist ihre einzige Chance auf Genesung, in der weltweit vernetzten Datenbank einen geeigneten Blutstammzellspender zu finden. In der Schweiz ist das Register Blut-Stammzellen zuständig für die nationale Spenderdatenbank und die Suche nach geeigneten Spendern. Das Register ist seit 2011 in die Blutspende SRK Schweiz integriert. Registrieren kann man sich bei jedem lokalen Blutspendedienst oder online.

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