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Mit Glatze in die Schule

Schlimme Diagnose! Die kleine Jasmin hat Leukämie. Kaum wieder gesund, besucht die Siebenjährige die Primarschule. Ohne Haare und mit Mundschutz (Teil 2/4).

Die siebenjährige Jasmin realisierte wohl, dass sie krank war, aber nicht, wie schwer. Bereits drei Tage, nachdem die Ärzte bei ihr Leukämie diagnostiziert hatten, begann die Chemotherapie. Bald konnten die Ärzte die Krankheit präzisieren: Jasmin litt unter akuter lymphatischer Leukämie (ALL). ALL ist die häufigste Krebsart bei Kindern — und mittlerweile in 80 Prozent der Fälle heilbar. «Insofern war dies trotz allem eine gute Nachricht», erinnert sich Mutter Marika Schefer.

Nach dem ersten Schock schöpften die Eltern Hoffnung. «Wir taten aber alles, um das Schreckliche der Erkrankung von Jasmin fernzuhalten», sagt Marika Schefer. Sie war von morgens bis abends bei ihrer Tochter im Spital und kochte ihr auch Zmittag. Als die Mutter einmal verhindert war, sprang Vater Marcel ein. Weil er ein wenig verspätet war, hatte man im Spital bereits für Jasmin gekocht. «Sie weigerte sich aber, ohne mich zu essen», erinnert sich Marcel Schefer. «En herte Grind» habe sie eben schon damals gehabt.

Die Eltern gestalteten auch das Spitalzimmer ihrer Tochter um: Jasmin bekam ihren eigenen Bettbezug, die Mutter nähte extra neue Vorhänge. «Ich kann mich noch an den Chemo-Kasper erinnern», sagt Jasmin. Das ist ein Aufklärungsbilderbuch für krebskranke Kinder, in dem die Hauptfigur Jagd auf böse Krebszellen macht.

Auf die Chemotherapie sprach Jasmin Schefer sehr gut an. Dann kam das Gespräch mit dem Chefarzt. «Er eröffnete dieses mit dem Satz, dass er ein Problem habe», erinnert sich Marika Schefer. «Ich muss nicht erwähnen, wie wir uns da fühlten.» Dabei war das Problem nicht Jasmins Gesundheitszustand, sondern der Platzmangel im Spital. Jasmin könne nach Hause, sagte der Chefarzt. War das ein misslungener Witz? Nein! Damit wollte der Arzt nur ausdrücken, dass die Therapie ein Erfolg gewesen war. «Er hat es nicht böse gemeint», sagt Jasmin Schefer, «aber einigen Ärzten mangelt es halt an Einfühlungsvermögen.»

Die Solidarität in Malans war gross

Nach einem Monat im Spital durfte Jasmin nun endlich zu ihrer Familie nach Hause zurückkehren. Damit war die Behandlung aber noch lange nicht zu Ende. Es folgten sieben Monate Chemotherapie, während derer Jasmin jeweils stationär einige Tage im Spital bleiben musste. Der Kontakt zu anderen Kindern wurde stark eingeschränkt.

«Jasmins Immunsystem war durch die Chemotherapie derart geschwächt», erklärt Marika Schefer. «Die Ansteckung mit einer Kinderkrankheit hätte fatal sein können.» Die Solidarität in Malans GR war gross. «Ein Nachbarsjunge hatte die Windpocken», erzählt Jasmins Mutter weiter. «Da haben ihn seine Eltern zu seinen Grosseltern in das Nachbarsdorf gebracht.»

Nach sieben Monaten war die Chemotherapie zu Ende. Die Aussichten, dass Jasmin wieder völlig gesund werden würde, waren gut. In diese Zeit fiel auch der Schulbeginn. Die Erstklässlerin musste zwar die ersten paar Monate zu Hause von ihren Eltern unterrichtet werden, aber ihren ersten Schultag wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Mit Mutters Lippenstift sorgte Jasmin für einen Schreckmoment

Während der Chemotherapie hatte die Siebenjährige alle ihre Haare verloren, das Gesicht war stark aufgedunsen, und sie musste einen Mundschutz tragen. Ihre ehemaligen Kindergartengschpänli, die jetzt Primarschüler waren, bereiteten ihr aber einen herzlichen Empfang und freuten sich einfach, dass sie wieder da war.

In den folgenden Jahren normalisierte sich das Leben der Schefers langsam, «normal» wurde es dennoch nicht: Es folgte die sogenannte Erhaltungstherapie mit regelmässiger Medikamenteneinnahme und Untersuchungen im Spital. Dort wurden die Blutwerte von Jasmin regelmässig kontrolliert, bis die Ärzte sicher waren, dass die Leukämie nicht wieder ausgebrochen war.

Für einen Schreckmoment sorgte der kindliche Übermut Jasmins, als diese sich mit dem blauen Lippenstift ihrer Mutter Arme und Beine verzierte. «Blaue Flecken sind charakteristisch für Leukämie», erklärt Marika Schefer. Entwarnung gab es erst im Spital, «da fiel uns ein Stein vom Herzen.»

Alles schien gut zu sein, das Glück war zurückgekehrt ins Leben der Schefers — bis Jasmin sieben Jahre später unterhalb ihres rechten Ohrs eine Geschwulst entdeckte. «Das war in den Ferien in Holland», erzählt Jasmin, «wir mussten die Ferien abbrechen und sofort in die Schweiz zurückkehren.»

Teil 3: Schon wieder Krebs! Jasmin hat einen bösartigen Tumor.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 49
5. Dezember 2011

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