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Der Krebs schlägt ein zweites Mal zu

Endlich hat Jasmin die Leukämie überstanden. Da ertastet sie
eine Geschwulst unter ihrem Ohr. Ein bösartiger Tumor! (Teil 3/4)

Damals, 1999, als sie mit ihrer siebenjährigen Tochter den Arzt aufsuchte, hatte Marika Schefer augenblicklich gespürt, dass Jasmin Leukämie hatte. Einfach so, ohne Grund: Es gab keine Andeutung des Arztes, niemand aus dem Bekanntenkreis hatte jemals an dieser Krankheit gelitten.

2006, sieben Jahre später, war es dann nicht mehr nur die Mutter, welche die schreckliche Gewissheit erfasste, als Jasmin unter dem rechten Ohr eine schmerzlose Schwellung ertastete. «Wir beide wussten, dass es ein Tumor war», erinnert sich Jasmin. Die Familie brach ihre Ferien in Holland umgehend ab. In der Schweiz ergab eine Biopsie, dass die Geschwulst atypische Zellen aufwies. Und die eingehende Untersuchung an der Uniklinik Zürich zeigte: Jasmin hatte einen Ohrspeicheldrüsentumor. Bösartig.

Normalerweise sind Männer über 40 von dieser Krebsart betroffen, bei Frauen und vor allem bei Kindern ist sie sehr selten. Eine Chemotherapie würde ihr diesmal wohl erspart bleiben. Aber Jasmin standen eine Operation sowie Bestrahlungen bevor.

Jasmin wollte mit der Operation nicht zuwarten

Diese Diagnose erfolgte just zum Zeitpunkt, als Jasmin überzeugt war, dass die Leukämie wohl nicht mehr auftreten würde. Die allerletzte dementsprechende Routineuntersuchung lag erst kurz hinter ihr. Und jetzt das!

«Leukämie kann man irgendwie nicht richtig fassen, die Geschwulst jedoch war real, die musste weg: Ich wollte die Operation. Sofort!», sagt Jasmin Schefer. «Und ich wusste, dass ich einmal selber Kinder haben will. Ich hatte keine Zeit zum Sterben», erklärt sie mit fester Stimme.

Die erneute Erkrankung ihrer Tochter traf die Mutter bis tief ins Mark. «Ich war emotional tot», sagt Marika Schefer. Sie fand psychologische Unterstützung und machte eine Therapie. «Sonst hätte ich es nicht geschafft.» Gegen aussen liess sie sich nichts anmerken, briet Jasmin auch noch nachts um eins einen Hamburger, wenn das Mädchen endlich wieder einmal Hunger verspürte.

Die Ärzte mussten Jasmins Gesichtsnerv durchtrennen

Bereits wenige Wochen nach der Diagnose wurde Jasmin an der Uniklinik Zürich operiert. Volle neun Stunden sollte es dauern, bis die Ärzte den Tumor entfernt hatten. Nach vier Stunden unterbrach der Chefarzt die Operation. «Er kam heraus und hatte Tränen in den Augen», erinnert sich Marika Schefer. Der Arzt eröffnete den Eltern, dass der Tumor einen Teil des rechten Gesichtsnervs umschlossen hatte. Nun gab es genau zwei Möglichkeiten: Man beliess diesen Teil des Tumors und konnte nachher versuchen, ihn durch Bestrahlung zu eliminieren. Das Risiko: neue Metastasen. Oder aber der Tumor würde vollständig entfernt. Dafür müsste man aber den Gesichtsnerv durchtrennen — mit der schrecklichen Konsequenz, dass Jasmins rechte Gesichtshälfte fortan gelähmt sein würde.

Jasmin hatte alles bereits vor der Operation mit ihren Eltern besprochen. Der Entscheid stand fest: Der Gesichtsnerv sollte im Fall der Fälle durchtrennt werden. «Ich wollte leben!», sagt Jasmin. Und Mutter Marika hält fest: «Wir wollten unser Kind.»

Irgendwann erwachte Jasmin aus der Narkose: «Ich fühlte, dass ich einen Verband um mein linkes Schienbein hatte. Da traten mir Tränen in die Augen.» Die Ärzte hatten ihrem linken Unterschenkel ein Stück Nerv entnommen und den fehlenden Gesichtsnerv damit ersetzt. Ob und wann der neue Nerv seine Funktion erfüllen würde, war jedoch völlig offen.

Da wurde Jasmin Schefer erwachsen

Die Lähmung der einen Gesichtshälfte beeinträchtigte Jasmin in vielerlei Hinsicht: So konnte sie ihr rechtes Auge nicht mehr schliessen, musste es in der Nacht zukleben. Am Anfang hatte sie Mühe mit Trinken und Essen, da auch der Mund halbseitig gelähmt war. Dazu kamen Gleichgewichtsstörungen, weil die für den Gleichgewichtssinn verantwortlichen Organe im rechten Ohr durch die Operation beeinträchtigt waren. Vor allem aber konnte sie nicht mehr lachen: «Es tat weh. Das fand ich besonders gemein!», sagt Jasmin. Dies glaubt man ihr sofort: Die junge Frau lacht gern und viel. Wie Mutter Marika.

Nach der OP die Bestrahlungen: zwei Monate lang jeden Tag; insgesamt 30. Jasmin sprach sehr gut auf die Therapie an, die Ärzte sagten ihr, dass sie wieder vollständig gesund werden würde. Trotz dieser so wichtigen Nachricht brach für Jasmin die wohl schwierigste Zeit ihres Lebens an: Die 14-Jährige hatte nun ein schiefes Gesicht. «Das ist wohl das Härteste, was einem Mädchen in diesem Alter passieren kann», sagt sie. «Bin ich noch schön, werde ich wieder schön — es war eine extrem schlimme Zeit.» Mutter Marika nickt: «Nach der Operation igelte sie sich total ein und hatte sogar Suizidgedanken. Sie fand sich hässlich und unbeliebt.» Ein Jahr lang dauerte diese dunkle Phase. In dieser Zeit veränderte sie sich. Die schlimmen Erfahrungen liessen sie schneller erwachsen werden. Mutter Marika beschreibt dies so: «Ich habe ein Kind verloren — und eine junge Frau zurückbekommen.»

Als Jasmin 15 Jahre alt war, fasste sie trotz allem wieder neuen Lebensmut.Dafür entscheidend gewesen war ein Jugendlager der Krebsliga, an dem sie einige Monate nach der Operation teilgenommen hatte. Die Jugendlichen, die sie dort kennen lernte, hatten alle einmal Krebs gehabt oder litten noch an der Krankheit. «Wir verstanden uns einfach. Das hat mir sehr geholfen», sagt Jasmin.

In diesem Lager lernte sie den um ein Jahr jüngeren Matthias kennen. Wie Jasmin hatte er die Leukämie überlebt. Einige Jahre später verliebten sich die beiden ineinander.

Teil 4: Jasmin ist vollkommen gesund.

 

Erschienen in MM-Ausgabe 50
12. Dezember 2011

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