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Wo Kindergärtner keine Seltenheit sind

Fast überall in der Schweiz sind männliche Kindergartenlehrpersonen so etwas wie Exoten. Nicht im Basler Matthäusquartier, wo in jedem zweiten Kindergarten ein Mann arbeitet. Das hilft Vorurteile abbauen und freut die Kinder.

Das Kleinbasler Matthäusquartier ist nicht nur eines der dichtest besiedelten Quartiere der Schweiz, es bietet noch eine weitere Besonderheit: Nirgends sonst arbeiten so viele männliche Kindergartenlehrpersonen im Umkreis von einem Quadratkilometer. Jede vierte Kindergartenlehrperson ist hier ein Mann. Schweizweit ist es nicht einmal jede 25., es gibt gar Kantone ohne einen einzigen Kindergärtner. Nimmt man das angrenzende Quartier Erlenmatte dazu, kümmern sich acht Kindergärtner um die anspruchsvolle Aufgabe, Kinder aus unterschiedlichen Elternhäusern, Entwicklungen und Bedürfnissen auf die Schule vorzubereiten. Auch wenn die Häufung an Kindergärtnern im Matthäusquartier zufällig ist, augenfällig ist sie allemal. Das könnte auch ein Bild der Zukunft sein, denn immer mehr Männer studieren diesen Beruf (siehe Box auf Seite 83). Was begeistert die Männer, in diesem frauentypischen Beruf tätig zu sein?

WANN WIRD ES HEIKEL?
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Die Kindergärtner Pascal Grieder (28), Oskar Schmutz (60), Akeepan Singrasa (27), Stephan Sohn (38) und Thomas Steiner (44) schätzen vor allem die Vielseitigkeit ihres Berufs und die Begleitung von Kindern in einem spannenden Entwicklungsalter. Sie können Kreativität einbringen, Musik und Bewegung machen, den Kindern etwas fürs Leben mitgeben. Erzählen die Männer von ihrem Beruf, leuchten ihre Augen.

Am Anfang waren die Eltern skeptisch

Erlebt man sie bei der Arbeit, sind sie in ihrem Element. Zum Beispiel Pascal Grieder: Ein Hund, ein Hammer, Socken, ein Pferd, alles will benannt sein in dem Spiel, das er mit einem Mädchen spielt, auch das Schwein. Die beiden versuchen, wie ein Schwein zu grunzen. «Aber ich esse kein Schwein», erklärt das Mädchen. Dass sich die Kinder von selbst einbringen und direkt sind, gefällt Pascal Grieder an seinem Beruf. Seit vier Jahren ist er in Kleinbasel Kindergärtner, jeder Tag war bisher spannend und anders: «Und flexibel muss man sein. Man hat zum Beispiel etwas vorbereitet und merkt, die Kinder brauchen im Moment etwas ganz anderes – dann muss man halt das andere möglich machen.»

Pascal Grieder wollte eigentlich Primarlehrer werden, doch bei einem Praktikum in einem Kindergarten merkte er, dass ihm diese Stufe viel mehr zusagt. «Wir legen ein wichtiges Fundament für die Gesellschaft. Hier kommen die Kinder das erste Mal obligatorisch zusammen, viele lernen bei uns die ersten Regeln, einen strukturierten Ablauf kennen. Wir fördern die Kinder individuell», erklärt Grieder. Der Lohn sei aber schon ein Wermutstropfen, da sind sich viele Kindergärtner einig. Trotz gleicher Ausbildung sind sie in vielen Kantonen in tiefere Lohnklassen eingestuft als Primarlehrpersonen.

Akeepan Singrasa verzaubert Früchte in Kunstwerke – klar bringen da alle eine Frucht zum Znüni mit.

Als Mann im Kindergarten wird Akeepan Singrasa wertgeschätzt, auch wenn einige Eltern am Anfang skeptisch waren. «Aber die Kinder kommen furchtbar gerne in den Kindergarten. Sie sind offen für Neues, begeisterungsfähig und wollen alles wissen. Das ist motivierend. Die beste Entscheidung in meinem Leben war, Kindergärtner zu werden.» Nachteile als Mann erlebt Akeepan Singrasa keine, nur die tiefe Stimme sei beim Singen für die Kinder schwierig, weil sie automatisch die gleiche Stimmlage suchen.

Schulleitungen heissen Männer als Kindergärtner willkommen

Vorteile sehen Singrasa und die anderen Kindergärtner vor allem fürs Team. In diesem Quartier arbeiten in allen Kindergärten Teams, da wegen der vielen fremdsprachigen Kinder mehr personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Singrasa: «Das kommt allen Kindern zugute. Ideal ist natürlich, wenn ein Mann und eine Frau zusammenarbeiten. So haben die Kinder die Auswahl, womit sie zu wem gehen. Sie erleben, dass auch Männer sich um Erziehung kümmern. Und wir spielen eher mal Fussball.»

Auch Schulleitungen, Erziehungsdepartemente und Ausbildungsstätten begrüssen Männer auf der Kindergartenstufe. Anita Crain, Leiterin des Schulkreises IV und früher Rektorin der Kindergärten Basel-Stadt: «Kinder sollen enge Bezugspersonen und Vorbilder beider Geschlechter haben. Es ist zudem wichtig, dass die Kleinen nicht nur geschlechtsstereotype Bilder erleben. Für Buben ist es gut, wenn sie auch Männer haben, die sich um Erziehung und Konfliktlösung kümmern. Zum Beispiel gehen Männer bei einem Konflikt eher raus, um Energie loszuwerden. Es liegt nicht allen Jungs, Konflikte zu bereden, wie das Frauen eher machen.»

In Basel hat man viel Erfahrung mit männlichen Kindergartenlehrpersonen. Vor rund 40 Jahren begann der erste, mittlerweile steht der Kanton mit 26 männlichen Kindergartenlehrpersonen im nationalen Vergleich an der Spitze. Hier kann man gut beobachten, wie Männer weitere Männer nachziehen.

Bei körperlicher Nähe müssen Kindergärtner vorsichtig sein

Heute ziehen junge Männer den Beruf Kindergärtner als Erstausbildung in Betracht, zumal das Studium an den Pädagogischen Hochschulen weitere Perspektiven eröffnet. Bei den älteren Kindergärtnern finden sich aber vor allem solche, die das als Zweitausbildung gelernt haben. «Mir war schon immer klar, dass ich etwas mit Kindern machen möchte», erläutert Thomas Steiner seinen Werdegang, «aber ich wusste damals gar nicht, dass es für einen Mann möglich ist, Kindergärtner zu werden. Es gab nur Kindergärtnerinnen und keine männlichen Vorbilder.» Seit 20 Jahren unterrichtet er im Quartier und schätzt die multikulturelle Lebensart. Ihm ist wichtig, den Kindern etwas fürs Leben mitzugeben, er fördert sie in Eigenverantwortung und Eigenaktivität.

Wöchentlicher Waldtag: Oskar Schmutz bringt den Kindern die Natur näher und animiert sie, sich zu bewegen.

Im Kindsgi des früheren Möbelschreiners steht eine Werkbank mit echten Werkzeugen. Auch Bewegung ist für ihn zentral, gerade in einem Quartier, in dem viele Kinder in engen Wohnungen leben oder vor dem Kindergarten noch nie im Wald waren. Wöchentlich treffen sich Thomas Steiner und Stephan Sohn mit ihren Klassen zum Turnen. In der grossen Turnhalle steht Steiner geduldig den Balancierenden zur Hilfe, gibt der Mattenschaukel bis in den Himmel an, tröstet einen Abgestürzten und lehrt einem Mädchen den Purzelbaum. Als sie es schafft, freut sie sich riesig.

Als Ausgleich zur Arbeit mit den Kindern stellt sich Thomas Steiner als Mentor für Berufseinsteigende zur Verfügung. So ist er besonders für junge männliche Kindergärtner eine wichtige Bezugs- und Vertrauensperson. Der Austausch mit Männern in der gleichen Situation ist für viele Kindergärtner wichtig. Das weiss auch Oskar Schmutz, der seit 20 Jahren den Erfahrungsaustausch der Basler Kindergärtner organisiert. «Ein Thema, das immer wieder kommt und zu intensiven Diskussionen führt, ist Nähe und Distanz.» Da liege der wohl grösste Unterschied zu den Kindergärtnerinnen. Niemand reagiere, wenn eine Frau ein Kind im Arm tröstet. Aber bei einem Kindergärtner schaue man ganz genau hin.

Thomas Steiner vermittelt den Kindern Mut zur Bewegung.

Die Körperlichkeit schwebt den Kindergärtnern immer im Hinterkopf. «Ich gehe bewusst und offensiv damit um. Zum Beispiel informiere ich die Eltern bei der Rückkehr aus dem Wald, wenn ich dem Kind beim Pinkeln geholfen habe», erklärt Schmutz. Denn was könnten die Eltern denken, wenn das Kind erzählt, der Kindergärtner habe ihm an der Hose herumgemacht? «Mit den Kindern schaffe ich eine klare und notwendige Distanz, und trotzdem kann ich die Nähe geben, die für den Beziehungsaufbau wichtig ist.»

Auch Oskar Schmutz sieht Vorteile als Mann im Kindergarten, besonders als älterer. «Gewisse Eltern zeigen vor Männern mehr Respekt.» Das erlebt auch Kindergartenlehrer Stephan Sohn. Allerdings wurde er auch schon als Abwart angesprochen. «Im Lauf des Jahres bekomme ich aber sehr viele positive Rückmeldungen. Gerade Alleinerziehende schätzen es, wenn sich auch ein Mann an der Erziehung der Kinder beteiligt.»

Ein Mann zeigt den Kindern, wie das Haushalten geht

Stephan Sohn zeigt den Kindern, was ein Mann alles so macht: Er geht mit ihnen einkaufen, sie bereiten zusammen das Znüni zu, waschen ab. Er matscht mit den Kindern im Wald, spielt in der Pause Unihockey und kleistert ordentlich. Für seinen geschlechtsuntypischen Berufswunsch hat Sohn von seiner Familie und Freunden viel Zuspruch erhalten – eine wichtige Unterstützung. Bleibt zu hoffen, dass auch die Buben aus dem Quartier vielseitige Zustimmung finden, wenn sie einmal Kindergärtner werden möchten – bei so vielen Vorbildern eigentlich ein normaler Berufswunsch. Denn Männer können das bestens!

 

Erschienen in MM-Ausgabe 6
3. Februar 2014

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Die Ausbildung zur Kindergartenlehrperson

  • Dreijähriges, modulares Studium an einer der 14 Pädagogischen Hochschulen der Schweiz (oft in Kombination mit einer Lehrbefähigung für die unteren Klassen der Primarstufe)
  • Die Zahl der Männer, die mit einem Vor- und Primarschulstudium begonnen haben, hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Der Anteil der Studiumsanfänger (Männer) liegt bei 15 Prozent.
  • Bachelor-Abschluss eröffnet weitere Studien, vielfältige Weiterbildungen und Tätigkeiten inner- und ausserhalb des pädagogischen Bereichs
  • Gute Berufsaussichten, besonders für Männer
  • Bruttolohn für Kindergartenlehrperson im ersten Dienstjahr: zwischen 55'000 und 97'000 Franken, je nach Kanton und Anzahl Vollpensumlektionen. In einigen Kantonen sind Kindergartenlehrpersonen in der gleichen Lohnklasse wie Primarlehrpersonen, in anderen tiefer.
  • Seit Jahren fordert der LCH (Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer), dass Lehrpersonen im Kindergarten die gleiche Ausbildung und Entlöhnung wie Primarlehrpersonen erhalten.

DAS SAGT DIE EXPERTIN

«Viele Talente gehen der Gesellschaft verloren»

Karin Schwiter (36) forscht am Zentrum für Gender Studies der Uni Basel und ist Mitautorin einer Nationalfondsstudie zu Geschlechterungleichheiten in Berufsverläufen. www.nfp60.ch

Von 1500 für eine Nationalfondsstudie befragten Männern und Frauen wählten nur drei Prozent einen geschlechtsuntypischen Beruf und blieben dabei. Karin Schwiter kennt die Gründe.

Karin Schwiter, warum ist es überhaupt ein Problem, wenn Mädchen frauentypische Berufe und Buben männertypische wählen?

Es ist eben keine Wahlfreiheit. Man muss ziemliche Hürden überwinden, um in einem geschlechtsuntypischen Berufsfeld Fuss zu fassen. Das schaffen nicht alle. Und dadurch gehen der Gesellschaft viele Talente verloren. Das ist in anderen Ländern anders: Von 44 verglichenen Ländern landet die Schweiz auf dem viertletzten Platz, was die Segregation der Berufe angeht. Das bedeutet, dass in der Schweiz besonders wenig Männer in frauentypischen Berufen arbeiten und umgekehrt.

Wer wählt einen geschlechtsuntypischen Beruf?

Die Nationalfondsstudie, bei der ich mitarbeitete, zeigt, dass die Jugendlichen mit untypischem Beruf von ihren Eltern, Lehrpersonen und Bekannten viel Unterstützung für ihre Berufswahl bekamen und überdurchschnittliche Schulleistungen zeigten.

Was macht es denn so schwierig?

In der Schweiz muss man sich früher als in anderen Ländern für einen Berufsweg entscheiden. Mit 14 setzt man sich mit dem eigenen Frau- oder Mannsein auseinander, schafft sich eine Identität. In dem Alter braucht es viel Mut, sich für einen Beruf zu entscheiden, der dem anderen Geschlecht zugeschrieben wird.

Gibt es weitere Gründe?

Die Kinder bekommen von klein auf geschlechtsstereotype Bilder vermittelt, die schwer aufzubrechen sind. Ein weiterer Punkt ist die Lebensgestaltung: In frauentypischen Berufen verdient man meist weniger als in männertypischen. Welcher junge Mann, der sich dereinst als Vater sieht, wählt einen Beruf, mit dem er eine Familie kaum ernähren kann? Und umgekehrt gelten männertypische Berufe als schlecht mit Teilzeitarbeit und Unterbrüchen vereinbar, was für zukünftige Mütter wichtige Kriterien sind.

Was erlebt man in der Ausbildung zu einem geschlechtsuntypischen Beruf?

Man ist der bunte Hund in der Berufsbildungsklasse, fühlt sich exponiert und sieht sich vielen Vorurteilen ausgesetzt. Wer es aber bis ins Berufsleben schafft, bekommt oft sehr positive Rückmeldungen.

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Wichtig ist mir, Eltern, Lehrpersonen und Berufsberatungen für die Problematik zu sensibilisieren, damit sie den Jugendlichen das weite Feld von allen möglichen Berufen und Lebensmodellen näherbringen können. Zudem muss es in allen Jobs möglich gemacht werden, vom Lohn leben zu können oder Teilzeit zu arbeiten.

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4 Kommentare

Ursula Häni [Gast]

Geschrieben am
11. Februar 2014

Wenn Männer gute Kindergärtner sind, dann sind sie auch tatsächlich gut. Ich traue aber vielen Männern nicht mehr, weil es so viele Missbräuche gibt. Und wenn es jemand merkt ist es für das Opfer schon zu spät.

Selda bkl [Gast]

Geschrieben am
5. Februar 2014

Ich selber war bei Thomas Steiner :D
er ist einfach der beste Kindergartenlehrer :D

Andrea Mordasini, Bern [Gast]

Geschrieben am
4. Februar 2014

Ich bin Mutter zweier Kinder, die über längere Zeit total begeistert eine "gemischte" Spielgruppe besuchten. Dass immer mehr Männer in Spielgruppen, Kitas, Kindergärten und Schulen arbeiten und sich um die Kleinsten kümmern, ist toll und eine grosse Bereicherung für alle Kinder! Gerade Kinder, insbesondere Jungs, die die ersten Lebensjahre vor allem um weibliche Betreuungspersonen (Mütter, Kita- und SG-Leiterinnen, Kindergärtnerinnen sowie Lehrerinnen) sind, profitieren und lernen zusätzlich von den männlichen Betreuern enorm! Dass in einigen erwachsenen Köpfen leider immer noch das falsche Bild des Pädophilen steckt, ist bedauerlich. Es ist endlich an der Zeit und dringend notwendig, diese Vorurteile, Ängste und Sorgen abzubauen und sich gegenüber Männern in Betreuungsberufen zu öffnen. Sie sollten die genau gleichen fairen und gerechten Chancen haben, ihren Traumberuf ohne unnötigen Schikanen, Hürden und Hintergedanken zu erlernen und auszuüben. Ich wünsche mir sehr, dass männliche Betreuer in Zukunft normal, selbstverständlich und die Regel statt die Ausnahme sein werden. Dank dem nötigen Vertrauen und der Einsicht, dass männliche Erzieher ein unverzichtbarer Gewinn für Kinder wie Eltern sind, sind wir auf dem richtigen Weg zur ausgeglichenen und ausgewogenen Fremd- bzw. Schulbetreuung!

 

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