Von wegen Babykrise!
Ist die Freundschaft beendet, wenn eine Frau Mutter wird und ihre Freundin nicht? Trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe pflegen Nicole Suda-Telli und Nicole Honti ihre Freundschaft seit fast 30 Jahren.
Das Interview zum Thema mit Psychologieprofessor Guy Bodenmann:
Tolerant und flexibel sein
Einiges war los im Jahr 1983: Nena liess ihre 99 Luftballons in den Himmel steigen, die Leute trugen Schulterpolster, und Pierre Aubert war Schweizer Bundespräsident. Das alles kümmerte Nicole Telli kaum. Die Neunjährige langweilte sich im Klassenzimmer der Volketswiler Primarschule. Es gab allerdings einen Lichtblick, und zwar die neue Mitschülerin, denn die war ihr äusserst sympathisch. Sie hiess ebenfalls Nicole, trug ihre Fransen so lange, dass man ihre grünen Augen kaum sehen konnte, und lächelte in Nicole Tellis Richtung. Die hatte zwar schon eine beste Freundin, beschloss aber spontan, dass in ihrem Leben Platz für eine zweite beste Freundin sei.
Kommen Kinder ins Spiel, können Freundschaften zu Bruch gehen
Die beiden Nicoles verbrachten aufregende Kinderjahre zusammen, kamen in die Pubertät, liessen sich Dauerwellen machen und verliebten sich in dieselben Jungs. Sie begannen sogar beide die gleiche Lehre. Doch während Nicole Telli Drogistin wurde, entschied sich ihre Freundin dann doch für eine kaufmännische Ausbildung.
Mittlerweile hat sich vieles verändert: Nicole Telli hat geheiratet und heisst jetzt Nicole Suda-Telli. Die 39-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Fehraltorf ZH. Nicole Honti (39), die ihren Pony zu Beginn der 80er-Jahre lang trug, wohnt immer noch in Volketswil ZH, arbeitet mit einem Vollzeitpensum als kaufmännische Angestellte und hat keine Kinder. Obwohl sich die Frauen für ganz unterschiedliche Lebenswege entschieden haben, hat das ihrer Freundschaft keinen Abbruch getan. Die Mädchen von damals sind auch nach fast 30 Jahren noch immer ein Herz und eine Seele.
Tiefe Freundschaften können in die Brüche gehen, sobald Kinder ins Spiel kommen. Dabei ist nicht das Baby das Problem. Schwierig ist vielmehr, dass die Kinderlosen so weitermachen möchten wie bisher, während sich bei den frischgebackenen Eltern alles um den Familienzuwachs dreht. Als der kleine Severin geboren wurde, beschloss Nicole Suda-Telli, es besser zu machen. Sie erzählte ihrer Freundin zwar von ihrem Mütteralltag, aber mit Mass. «Ich brauchte meine Freundin in dieser Zeit sehr, wollte sie aber dennoch mit den Babythemen nicht langweilen», erinnert sie sich.
Und Nicole Honti hörte zu, wenn von schlaflosen Nächten, Windelmarken und Babybreis die Rede war. «Es war natürlich nicht meine Welt», sagt die kaufmännische Angestellte, «aber dennoch interessant». Nicole Suda-Telli schätzte es, dass ihre Kollegin sich mit gut gemeinten Ratschlägen zurückhielt. Es sei sogar entspannend, wenn ein Gesprächspartner genauso ratlos sei wie man selbst.
Der Säugling wirbelte den Terminkalender von Nicole Suda-Telli gehörig durcheinander. Nachdem sie ihre Freundin jahrelang wöchentlich getroffen und fast täglich am Telefon gesprochen hatte, war es nun schwierig, gemeinsame Zeit zu finden. Wenn Nicole Honti von der Arbeit und dem anschliessenden Sport nach Hause kam, lag die frischgebackene Mutter schon erschöpft in den Federn. Und wenn Nicole Suda-Telli ihre Kollegin spontan morgens um sechs anrufen wollte, musste sie sich bremsen und sich ins Bewusstsein rufen, dass Kinderlose nicht unbedingt mit den Hühnern aufstehen.
Wenn schon telefonieren, dann gleich drei Stunden am Stück
Als Nicole Suda-Telli drei Jahre später ihr zweites Kind, die kleine Michèle, zur Welt brachte, hatten die beiden Frauen bereits einen neuen Weg für ihre Freundschaft gefunden. «Bei uns gilt seitdem die Devise: ‹Qualität statt Quantität›», sagt sie. Es vergeht oftmals einige Zeit, bis die Freundinnen sich persönlich sehen können. Deswegen bereden die beiden spätestens nach zwei, drei Wochen alles Wichtige am Telefon. So ein Gespräch kann gut mal drei Stunden dauern. Nicole Suda-Tellis Mann kennt das schon. Er gönnt seiner Frau diese Auszeit und kümmert sich derweilen um die Kinder. Der Gedankenaustausch tut beiden Freundinnen gut: Die Familienfrau hält den Kontakt zu einer Welt jenseits des Spielplatzes, und Nicole Honti erhält Einblicke in eine andere Lebensweise. Ungefähr alle zwei Monate schaffen es die Freundinnen sogar, einen gemeinsamen Abend zu verbringen. Es ist dann zwar nicht die durchtanzte Nacht in der Disco wie früher, sondern eher ein gemütliches Abendessen in einem Restaurant, aber das geht schon in Ordnung. Manchmal kommt die kinderlose Nicole spontan bei der Nicole mit Kindern vorbei. Sehr zur Freude der sudaschen Rasselbande. «Die Nici ist nämlich nicht nur Mamas Kollegin, sondern auch unsere Freundin», erklären die Kinder strahlend. Nicole Honti ist keine Tante im klassischen Sinn. Sie kann keine Windeln wechseln, und das Sandmännchen kennt sie auch nur vom Hörensagen. «Dafür kann man mit ihr spannende Sachen erleben», findet Severin (8). Die 39-Jährige spielt mit den Kindern Fussball, ist jederzeit für eine Wasserpistolenschlacht zu haben und geht mit der fünfjährigen Michèle Glitzerschuhe kaufen. Es würde niemanden wundern, wenn sie in ein paar Jahren mit den Kindern zu Rockkonzerten fahren würde.
Vor zwei Jahren hat der kleine Raphael die Familie Suda komplett gemacht. Heute ist auch die letzte Stillzeit abgeschlossen, und bald sind auch Windeln passé. «Ich schätze, dass wir uns in Zukunft wieder öfter sehen werden», freut sich Nicole Suda-Telli. Ihre Freundin grinst und fügt an: «Dann könnten wir ja mal wieder gemeinsam auf einem Töffli zum Greifensee fahren. So wie früher, als wir Teenies waren.»
Erschienen in MM-Ausgabe 28
9. Juli 2012
SPEERSPITZE
Das Leben geht weiter

Autorin Doris Knecht (46) pflegt ihre alten Freundschaften auch als Mutter.
Es gibt ein Leben nach der Geburt der Kinder. Das demonstriert die österreichische Journalistin Doris Knecht. Sie lebte zwei Jahre in Zürich und schrieb fünf Jahre lang Kolumnen für den «Tages-Anzeiger» – auch über die Geburt ihrer Zwillinge 2002. Erfrischenderweise pries Knecht die Mutterschaft nicht als das Alleinseligmachende, sondern gestand freimütig, dass sie die Freiheiten der kinderlosen Zeit...
mehr lesenDas Leben geht weiter
Autorin Doris Knecht (46) pflegt ihre alten Freundschaften auch als Mutter.
Es gibt ein Leben nach der Geburt der Kinder. Das demonstriert die österreichische Journalistin Doris Knecht. Sie lebte zwei Jahre in Zürich und schrieb fünf Jahre lang Kolumnen für den «Tages-Anzeiger» – auch über die Geburt ihrer Zwillinge 2002. Erfrischenderweise pries Knecht die Mutterschaft nicht als das Alleinseligmachende, sondern gestand freimütig, dass sie die Freiheiten der kinderlosen Zeit vermisste und Elternschaft auch schwierig ist. Die Leser dankten ihr die Offenheit. Heute führt Knecht die Kolumne in der österreichischen Zeitung «Falter» weiter. Themen: Die Zwillinge, Musik, die sie geniesst, wenn die Kinder schlafen, durchzechte Nächte und die alten Freunde Sedlacek und Hämmerli.



Kommentar verfassen
2 Kommentare
Patricia Gast [Gast]
Geschrieben am
25. Juli 2012
Als (noch) kinderlose junge Frau musste ich leider schon des öferen feststellen, dass sich Freundinnen, die Kinder bekommen haben, von unserem Freundeskreis abwenden und vermehrt den Kontakt zu anderen Familien mit Kindern suchen. (Und dies, obwohl wir Kinderlosen uns auch gerne über Baby-Themen erzählen lassen.) Ich kann das nicht ganz verstehen und finde das sehr schade.
0
Antwort hinzufügen Kommentar melden
Andrea Mordasini [Gast]
Geschrieben am
10. Juli 2012
Neben Kontakten zu anderen Mamis pflege ich nachwievor guten Kontakt zu kinderlosen, aber sehr kinderfreundlichen, Freundinnen. Diese Kontakte sind mir, wie jene zu den Müttern, sehr wichtig und eine grosse Bereicherung. So wie ich ihnen mit ungeniert über die Kinder, die Freuden und Sorgen und den Alltag sprechen kann, so höre ich ihnen gerne zu, wenn sie mir über ihre Anliegen und ihren Alltag erzählen. Es ist doch wie überall ein gegenseitiges Geben und ein Nehmen, wo alle voneinander profitieren können. Auch wenn es nicht immer einfach ist, Termine für Treffen zu finden - Hauptsache ist, dass man sich regelmässig sieht und die Kontakte nicht einschlafen lässt :)!
0
Antwort hinzufügen Kommentar melden