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Selbsttest zur Medienkompetenz

Beim Thema neue Medien und Medienkompetenz sind viele Lehrer überfordert. Wie erkennt man, was die Kinder brauchen? Und welche Onlinekenntnisse sind wichtig? Ein neuer Selbsttest bringt Licht ins Dunkel – Schülerinnen und Schüler der Primarschule Fahrweid ZH haben ihn ausprobiert.

Im Computerraum der Primarschule Fahrweid ZH ist es mäuschenstill. Konzentriert starren zwölf Schulkinder aus der 6. Klasse auf den Bildschirm, klicken Zeichen an, schieben virtuelle Kärtchen hin und her und versuchen, die Aufgaben möglichst gut zu lösen.

«Digitalisierung und Computerisierung» heisst das Testmodul, das sie heute als allererste Schulklasse durchspielen. Es ist Teil eines Tests, der zeigen soll, was Kinder und Jugendliche über die neuen Medien wissen und was nicht. Entwickelt haben ihn Fachleute der Pädagogischen Hochschule Schwyz in Zusammenarbeit mit Pro Juventute und finanzieller Unterstützung von Google.

«Kann ein Computer eine Geschichte vorlesen?», lautet eine Frage, eine andere: «Was gab es zuerst, TV, Radio, Buch, Internet?»

Rasch und ohne Zögern schieben die einen ihre Kärtchen in die richtige Reihenfolge, andere müssen zuerst sorgfältig überlegen. «Das kann ein Computer nicht: Haare schneiden», ist eine einfache Frage, für alle.

Aber wer diese und ein paar andere ­richtig beantwortet hat, landet rasch bei Knifflige­rem – beispielsweise bei der Frage, wo überall Computerchips drinstecken.

«Was, in einer E-Gitarre steckt kein Computerchip?», ruft ein Schüler halblaut erstaunt aus. Ein anderer ist so vertieft, dass er sich die Fragen leise vorliest und sorgfältig abwägt, bevor er mit der Maus die Schildchen anklickt. Ein Mädchen überlegt angestrengt: «Kann ein Computer eine Geschichte vorlesen?»

Gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint: Vorlesen vielleicht nicht, aber was ist mit Hörspielen, Hörbüchern, Internetradio? Dennoch zieht sie nach einer Weile das Schildchen mit einer entschiedenen Mausbewegung zum roten Nein.

Viele offene Fragen zur «Medienkompetenz»

Dominik Petko (45), Professor für Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwyz, hat der Schulklasse möglichst ­einfach zu erklären versucht, was er hier tut – und was er von ihnen braucht: «Ich erforsche, wie wir mit Computern lernen und arbeite

. Dazu entwickeln wir einen Selbsttest für Schülerinnen und Schüler, und ihr dürft ihn als Erste ausprobieren.» Für die Anmeldung benötigt man keinen richtigen Namen. Eine persönliche Rückmeldung gibt der Test auch für ein Pseudonym wie «Mickey Mouse».

Klassenlehrerin Annine Moser (26) hat sich spontan bereit erklärt, an diesem Pilottest mitzuwirken. «Als Junglehrerin bin ich mit dem Thema Medienkompetenz über­fordert, denn es ist unendlich breit», sagt sie freimütig. Sie sei daher sehr froh, wenn sie durch den Test Hinweise erhalte, was ihren Schülerinnen und Schülern noch fehle.

Für die Fahrweider Schulsozialarbeiterin Angela Klarwein (49) ist Medienkompetenz zwar sowieso ein Dauerbrenner.

«Zum Beispiel wird Cybermobbing im Unterricht immer wieder aufgegriffen», sagt sie. «Und das Thema Medien ist im Präventionskonzept verankert.» Aber einen Überblick darüber, was die Jugendlichen ganz konkret können, begrüsst auch sie.

Nach zehn Minuten lehnt sich der erste Schüler triumphierend zurück – fertig. 77 Prozent der Fragen hat er richtig beantwortet.

Gutes Mittelfeld – genau so, wie es Klassenlehrerin Annine Moser erwartet hat. Nach weiteren zehn Minuten sind alle fertig und bereit für die nächste Aufgabe: den Frage­bogen, den sie von Hand ausfüllen müssen.

Medienprofessor Dominik Petko ist zufrieden. Die Anzahl der Fragen scheint gut zu passen, und der Test ist weder zu schwierig noch zu einfach. 66 Prozent war das mindeste erreichte, 84 das höchste Resultat. Und vor allem freut ihn ein erster Blick auf die Rückmeldebogen: «Sehr viel Spass» haben die allermeisten angekreuzt und «sehr viel dazugelernt».

Bald auf Projuventute.ch abrufbar

Jetzt ist noch einmal voller Einsatz der Jugendlichen gefragt: Auf Plakaten sollen sie in Gruppen notieren, was sie ihren jüngeren Geschwistern in Bezug auf Handys und Computer raten würden. Angeregtes Diskutieren, angestrengtes Überlegen. «Kein Virus» notiert eine Bubengruppe und «Cybermobbing». «Vorsicht im Internet» und «Umgang mit Öffentlichkeit» schreiben die drei Mädchen am anderen Tischende.

Laurent Sédano von Pro Juventute und Medienprofessor Dominik Petko werden die Fragebogen und Plakate auswerten und aufgrund der Resultate weiter am Test tüfteln. Im Herbst soll die definitive Version auf Projuventute.ch zugänglich sein. Und dann werden wohl in so manchem Computerschulraum Kinder und Jugendliche vor den Bildschirmen sitzen und per Mausklick fleissig Schildchen hin und her schieben.

«Geräte bedienen geht locker, aber oft fehlt das Hintergrundwissen»

Laurent Sédano (39) ist bei Pro Juventute Programmverantwortlicher und zuständig für Medienkompetenztrainings von Kindern und Jugendlichen (rechts). Dominik Petko (45) ist Prorektor Forschung und Entwicklung und Leiter des Instituts für Medien und Schule an der Pädagogischen Hochschule Schwyz.

Laurent Sédano, Dominik Petko: Stimmt die oft ­gehörte Behauptung, dass Jugendliche im Umgang mit den neuen Medien viel kompetenter sind als die ­Erwachsenen?

Laurent Sédano: Jugendliche trauen sich mehr zu als Erwachsene, die im Netz zögerlicher an Neues herangehen. Aber vielen Jugendlichen fehlen grundlegendes Wissen und Erfahrung – etwa, dass hinter den ­beliebten Apps Firmen stehen, die in erster Linie Geld verdienen wollen.

Dominik Petko: Die Jugendlichen können ausgezeichnet Geräte bedienen, sie wissen, wie sie mit all den Oberflächen und der Technik umgehen müssen. Aber was dahintersteckt, was sie beispielsweise auslösen können, wenn sie Dinge auf Facebook, Youtube oder WhatsApp posten, das durchschauen viele noch zu wenig.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht wichtig?

Laurent Sédano: Dass Erwachsene den Kindern und Jugendlichen genau zuhören und mit ihnen über das Internet sprechen. Unsere Erfahrung zeigt etwa, dass viele Jugendliche denken, ein Bild, das auf WhatsApp versendet wird «springe» direkt von Handy zu Handy. Dass dazwischen Internetanbieter, Dienstleister, ­Server, Kabel und so weiter stecken, wissen die wenigsten. Wenn wir ihnen das aufzeigen, beginnen sie zu verstehen, was mit ihren Daten passieren kann.

Dominik Petko: Wichtig ist, dass sie sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte kennen. Es ist toll, dass jeder im Internet Informationen verbreiten kann. Gleichzeitig müssen Jugendliche auch lernen, darüber nachzudenken, wer und was sich hinter Onlineangeboten verbirgt. Ausserdem ist den Jungen viel zu wenig bewusst, dass alles, was einmal im Internet ist, nicht so einfach gelöscht werden kann. Dass etwa ein peinlicher Videoclip sie unter Umständen ein Leben lang begleitet.

Und in welcher Form kann das von Ihnen entwickelte Testtool da helfen?

Laurent Sédano: Das Thema Medienbildung ist für viele Schulen neu. Wir hören immer dieselben Fragen: wo sollen wir anfangen, welche Lehrmittel nutzen, was gibt es schon? Mit dem Medienkompetenztest wollen wir helfen herauszufinden, was noch fehlt, und auf die entsprechenden bereits existierenden Lehrmittel hinweisen.

Dominik Petko: Der Test soll Schülerinnen und Schülern zeigen, wo sie stehen, und sie für Themen sensibilisieren. Lehrpersonen können sehen, welche Themen sie behandeln und vertiefen müssen. Beispielsweise: Woran merkt man, ob eine Meldung glaubhaft ist? Reicht es, wenn sie bei Google ganz oben erscheint? Schülerinnen und Schüler sollen in der Lage sein festzustellen, ob die Meldung «Auf einer Farm in Australien werden neuerdings Einhörner gezüchtet» wahr ist, nur weil sie im Internet steht. 

 

Erschienen in MM-Ausgabe 6
8. Februar 2016

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1 Kommentar

Norbert Derksen

Geschrieben am
11. Februar 2016

Bei den Einhörnern klappt das noch verhältnismäßig gut. Aber wenn beispielsweise, wie heute geschehen, der Blödsinn verbreitet wird, man habe jetzt die Gravitationswellen endlich nachgewiesen, wird das geglaubt! Mein richtigstellender Kommentar mit dem sachdienlichen Hinweis, wo der Fehler liegt, wurde prompt von der Zensur nach wenigen Minuten gelöscht.

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