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Informatikerin: Gegen den Strom

Informatiker sind Einzelgänger, futtern zu viele Chips und haben fettige Haare. Zwei junge Frauen treten dem Vorurteil entgegen.

Noch vor einem Jahr hätten sich Anne von Bassewitz und Roxane Kiefer (beide 19) nicht vorstellen können, sich im Berufsleben mit Informatik auseinanderzusetzen. Die kommunikativen und aufgeweckten Zürcherinnen wollten «lieber etwas Sinnvolles machen und anderen helfen», so von Bassewitz. Beide Frauen hatten zur Schulzeit und später im Gymnasium ein Informatikberufsbild vor Augen, das kaum Lust auf mehr macht: «Es bedeutet, täglich acht Stunden am Computer zu sitzen, komplexe Programmzeilen einzutippen und höchstens für die Pausenzigarette mit anderen Menschen zusammenzukommen.» Wie ein Grossteil der Bevölkerung liessen sich zunächst auch die jungen Frauen vom weitverbreiteten Vorurteil anstecken. Heute wissen sie, dass sie falsch lagen.

Informatikunterricht in den Schulen vermittelt ein verzerrtes Bild

Doch weshalb werden IT-Spezialisten seit Jahren in diese Ecke gestellt? Woher kommt diese Wahrnehmung des Berufsstands in der Gesellschaft? Anne von Bassewitz und Roxane Kiefer sind sich einig: «In der Schule wird das völlig falsche Bild vermittelt.» Der Informatikunterricht sei im Wesentlichen nichts anderes als ein Microsoft-Office-Kürsli, das Schülerinnen und Schüler nicht ernst nehmen würden. «Wenn nicht frühestens in der Oberstufe gezeigt wird, was Informatik ist und kann, verschwindet das Vorurteil nie», sagt Roxane Kiefer.

Über ihre Mitarbeit beim Projekt «IT-dreamjobs» lernen sich die beiden Frauen kennen und kommen zum ersten Mal in der Praxis mit der Informatik in Kontakt. Diese Kampagne will Mittelschülerinnen und Mittelschüler für ein Hochschulstudium begeistern. Dadurch wissen Kiefer und von Bassewitz jetzt: In diesem Beruf werden flexible Teamplayer gebraucht, die in vielseitigen und abwechslungsreichen Branchen arbeiten. Zudem müssen sich die IT-Spezialisten immer mit Problemen beschäftigen, deren Lösungswege sich nirgends nachschlagen lassen. «Das gefällt mir besonders gut», sagt Anne von Bassewitz.

Die Begeisterung der Maturandinnen geht zurzeit so weit, dass sich beide für ein Informatikstudium an der ETH-Zürich einschreiben wollen und an der Hochschule schon eine Schnupperwoche besucht haben. Die Studierenden konnten ihnen die Angst vor dem herausfordernden Studium nehmen, Visiten bei Google und Disney Research gaben zudem Einblick in die Praxis.

Beim ETH-Studium müssen sich Frauen gegen Männer durchsetzen

Stolz erzählen Anne von Bassewitz und Roxane Kiefer vom Gelernten: «In nur einem Tag entwickelten wir eine funktionierende Telefonbuch-App für ein Smartphone».Bis im April müssen sich die Frauen definitiv entscheiden, ob sie das Studium angehen. Dass sie dort deutlich in der Unterzahl sein werden, spreche nicht dagegen. Im Gegenteil: «Wir müssen uns wahrscheinlich gegen übermässig viele Hilfsangebote der Männer wehren, damit wir selbst auch etwas lernen.»

www.it-dreamjobs.ch

 

Erschienen in MM-Ausgabe 10
3. März 2014

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Frauen und Informatik

Das Forum for Women in Computer Science der ETH Zürich setzt sich dafür ein, dass Frauen sich vermehrt zutrauen, in die Informatik einzusteigen. Es bietet zweimal jährlich einwöchige Einführungskurse, die sich an Mittelschülerinnen richten. Diese lernen Programmieren und erhalten Einblick in die verschiedenen Gebiete der Informatik. Zudem wird das Informatikstudium vorgestellt und der Austausch mit Studierenden und Doktorierenden ermöglicht.

Zum Zeitpunkt der Gründung im Jahr 1993 war der Frauenanteil unter den Informatikstudierenden auf einem historischen Tief von 0.7 Prozent angelangt. Unter anderem dank den Schnupperwochen, die 1999 eingeführt wurden, liegt der Frauenanteil heute immerhin bei durchschnittlich zehn Prozent. Dass das Potential an Frauen, die für die Studienrichtung Informatik geeignet wären, damit längst nicht ausgeschöpft ist, bestätigt der Blick auf andere Länder. (Sandra Herkle, ETH Zürich)

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