Handgelenk mal Salzstreuer
Kochen ohne Rezept! Dafür gibts jetzt eigens Kochbücher. Nur frage ich mich, was denn auf der zweiten Seite steht. Nein, fürs Kochen ohne Rezept brauchen wir Haushaltführende … Hoppla! Jetzt ist mir auch so ein Schwurbelausdruck rausgerutscht — wo ich die doch so verabscheue, wenn sie in Leitfäden aufscheinen: Lernende! Elternteil! LehrerInnenschaft! Den Pflegeberuf Ausübende! Himmel, Nein! Ich wollte natürlich «wir Hausfrauen und Hausmänner» sagen. Eben: Fürs Kochen ohne Rezept brauchen wir keine Rezepte.

Unsere Lieblingsrezepte haben wir intus, meist schon von der Grossmutter erlernt und über all die Jahre verfeinert. Ansonsten pröble ich gern drauflos: Resten verwerten und mit dem hantieren, was grad so im Kühlschrank steht. Dabei gelangen mir letzte Woche ganz ordentliche Spaghetti mit Pouletgeschnetzeltem an einer Sauce aus saurem Halbrahm, gehackten Zwiebeln, Fenchel, frischem Dill und Oregano. Wir bekommen drum jede Woche eine Lieferung Salat und Biogemüse direkt ab Hof. Gute Sache! Denn so lernen die Kinder Gemüsesorten kennen, die ich von mir aus nicht unbedingt gekauft hätte: Schwarzwurzeln, Topinambur, Bodenkohlrabi. Und sie merken, welches Gemüse in welche Jahreszeit passt. Ich bereite es dann halt irgendwie zu. Zum Beispiel gabs jüngst eine Gemüsewähe mit Kartoffeln, gedämpftem Sellerie, Rüebli und Lauch. In der Eile rühre ich dazu — Handgelenk mal Salzstreuer — mit Eiern, Muskat und Crème fraîche einen Guss an, und ab in den Ofen. Bei uns ist Kochen ohne Rezept fast Programm. Ausser wenn Besuch kommt, weil dann sollte es nicht missraten. Also greift man auf etwas Verlässliches aus dem Kochbuch zurück: Emmentaler Voressen an Safransauce.
Und sobald der Besuch gegangen ist, rasch die Rotwein- und Saucenflecken auf dem weissen Tischleinen mit Javelwasser entfernt — das alte Rezept! Bei dem Geruch wird mir weh: Er erinnert mich ans Planschbecken im elterlichen Garten; und wenn ich als Bub in Sottopassaggio in den Ferien war, roch jedes Treppenhaus so: frisch geputzt mit Javel. Eben hat die Aufsichtsbehörde dem AKW Leibstadt erlaubt, gefährliche Bakterien im Kühlwasser, welche die Legionärskrankheit verursachen können, mit Javel zu tilgen. Bereits letzten Sommer wurden 16 Tonnen Javelwasser zur Bekämpfung solcher Keime eingesetzt und danach in den Rhein geleitet. Abgesehen davon, dass mich das nicht besonders appetitlich dünkt, musste ich schmunzeln, dass bei einem Atomernstfall der besonderen Art alte Hausfrauentricks zur Anwendung kommen. Apropos Ernstfall: Als Hans letzten Mittwoch um 13.32 Uhr, während rundum versuchshalber die Sirenen heulten, meinte, was wohl wäre, wenn mal ein Ernstfall an einem Mittwoch um halb zwei geschähe und alle denken würden, es sei nur ein Sirenentest, wusste ich auf seine schlaue Frage kein Rezept. Aber das macht auch gar nichts. Wir erziehen ohne Rezept, und das Leitbild meines Vertrauens hiesse bekanntlich schlicht: «Es gilt der gesunde Menschenverstand.»
Noch wegen meiner Wähe: Ich musste vor dem Znacht aus dem Haus und staunte am späten Abend, dass nur ein winziges Stück übrig war. Weshalb die Kinder sie gemocht hatten, wurde aber beim ersten Bissen klar: Ich, der notorische Versalzer, hatte unabsichtlich eine süsse Gemüsewähe gebacken. Wegen der Rüebli! Und ich muss selber sagen: Die war wirklich fein.
Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
Bänz Friedli live: 9. 2. St. Gallen, Quimby-Huus.
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3 Kommentare
Hansueli Simmen [Gast]
Geschrieben am
10. Februar 2012
Lieber Bänz Friedli
zum Beruf des Hausmanns äussere ich mich nicht. Ich bewundere aber alle, die es sind! Und auch nicht zum Thema Gemüse oder rezeptfrei Kochen (das könnte ich sowieso nicht!). Aber mir ist in der letzten Kolumne (Handgelenk mal Salzstreuer) ein Satz aufgefallen, über den ich als ehemaliger Lehrer stolperte: "Ausser wenn Besuch kommt, weil dann sollte es nicht missraten". Das haben Sie hoffentlich aus Spass so geschrieben! Mir fällt nämlich auf, dass viele Leute, auch ganz gescheite, insbesondere auch Politiker, keine richtigen Weil-Sätze mehr schreiben oder sagen können. Ich freue mich jedes Mal auf Ihre Kolumne - und auch auf die nächsten Weil-Sätze! Herzliche Grüsse Hansueli Simmen
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Bessy Botti [Gast]
Geschrieben am
6. Februar 2012
'Ich gehöre definitv zu den Experimentier-Unfreudigen Köchinnen, frei nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt - kocht er nicht. Gemüse esse ich zwar ziemlich alles, was mir vorgesetzt wird, auch mal ein Unbekanntes im Restaurant. Selber koche ich aber nur, was ich kenne. Bei Fleisch und allem Wasser-Getier getraue ich Unbekanntes nicht einmal zu kosten aus Angst, es käme nullkommanichts wieder retour... Beim Kochen bin ich dann oft auch auf die Rezepte angewiesen obwohl ich gerade letzthin in einem für mich enormen Anflug von Kreativität ein "Risotto-Carbonara spezial" erfunden habe, das dann sogar den Kindern sehr gut geschmeckt hat und das jetzt in mein Rezept-Repertoir gehört...
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Queen of the Kitchen [Gast]
Geschrieben am
6. Februar 2012
¦Unsere Kinder hassen Schwarzwurzeln und Topinambur, mein Mann und ich dagegen lieben sie. Nur muss ich immer ein bisschen aufpassen, WANN ich diese Dinge koche = unangenehm duftende Nebenwirkungen! Also nur, wenn wir uns nach dem Genuss nicht mit fremden Menschen auf engstem Raum befinden…
Ansonsten is(s)t meine Familie sehr pflegeleicht und kulinarisch aufgeschlossen. Ich liebe Kochsendungen, lasse mich davon inspirieren und probiere immer wieder gerne etwas Neues aus. So richtig in die Hosen ist zum Glück schon lange nichts mehr gegangen. Am liebsten koche ich „frei Schnauze“, einfach was die Natur und der Kühlschrank grad hergibt. Deshalb backe ich wohl auch nicht so gerne Kuchen, Guetzli und so. Mich genau an die Rezeptangaben halten - dazu fehlt mir irgendwie die Geduld.
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